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DVCS-Tagungsbericht: Tradition? Variation? Plagiat?

2011 Januar 2
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Viele Leser werden sich daran erinnern, dass DianMo bereits im Winter 2008 zu Plagiaten in China und einer möglichen copy culture mit chinesischen Merkmalen berichtet hat. Bei der Tagung der Deutschen Vereinigung für Chinastudien (DVCS) 2010 in Heidelberg war dies nur einer der Schwerpunkte, zu denen Forschende der Sinologie und China-Wissenschaften aus dem deutschsprachigen Raum ihre Gedanken austauschten. Unter dem Leitsatz „Tradition? Variation? Plagiat? – Motive und ihre Adaption in China“ gingen sie dem Wechselspiel von Originalität und Autorität in der chinesischen Kulturtradition nach. Hierzu wurden in der Heidelberger Sinologie und dem dortigen Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context: Shifting Asymmetries in Cultural Flows“ vom 26. bis zum 28. November knapp 30 Vorträge gehalten.

Lena Henningsen, die zusammen mit Martin Hofmann die Tagung organisiert hatte, erklärte einleitend, dass ein Ziel der Veranstaltung darin bestehe, die in den Medien oftmals unreflektierten Verweise auf China als ein Land der Nachahmer und Raubkopierer kritisch zu hinterfragen. Die unterschiedlichen Panels der DVCS-Tagung reichten zeitlich von der chinesischen Vorkaiserzeit bis in die Gegenwart. Die Vortragenden für die früheren Perioden konzentrierten sich mehrheitlich auf wiederkehrende Konzepte und Motive in Philosophie und Literatur. In den gegenwartsbezogenen Vorträgen wurde das Augenmerk dann auch auf Aspekte wie chinesische Raubkopien gerichtet. Hier sei nur ausschnittsweise auf einige der Vorträge und anschließenden Debatten eingegangen.

Freitag

Am Freitag sorgte Oliver Radtke im Panel „Begriffsgeschichte“ für Erheiterung, als er einige Stilblüten vorstellte, die bei dem Versuch entstanden waren, Schilder- und Werbetexte vom Chinesischen ins Englische zu übertragen, ohne ausreichende Kenntnisse der englischen Sprache zu besitzen. Die seinem Vortrag folgende Diskussion drehte sich u.a. um die Frage, ob dieses Chinglish, das nicht selten von Übersetzungsprogrammen erschaffen wird, sprachtheoretische Relevanz besitzt oder bloß als Zierwerk zu deuten ist.

Christian Soffel stellte dem Plenum seine Forschungsergebnisse zum Motiv der „Großen Synthese“ (ji dacheng 集大成) vor. Es findet sich in einer Frühform schon im Menzius 孟子und entwickelte sich zu einem Schlüsselkonzept in der chinesischen Geisteskultur, wie exemplarisch an den Spielarten von Zhu Xi 朱熹 (1130-1200) und Qian Mu 錢穆 (1895-1990) gezeigt wurde.

Samstag

Friederike Assandri versuchte anhand von buddhistischen und daoistischen Quellen aus dem 7. Jahrhundert zu zeigen, dass schon sehr früh in China Ideen zu geistigem Eigentum geäußert wurden. Buddhistische Literaten beklagten, dass „Diebstahl von Begriffen“ begangen worden sei. Die Interpretation der Vortragenden, dies als Frühform von geistigem Eigentum zu deuten, führte indes zu Kritik aus dem Publikum, wonach der angeführte Vorwurf des Begriffsdiebstahls noch nicht ausreichend sei, um in eine solche Kategorie geordnet zu werden.

Einen chinesischen Plagiatsfall des 21. Jahrhunderts stellte Philipp Mahltig in seinem Beitrag vor. Im Mittelpunkt stand der Skandal um den einst überaus renommierten Beida-Professor Wang Mingming, der im Jahr 2002 des Plagiierens überführt und im Anschluss daran medienwirksam demontiert wurde. Wang hatte sich für seine 1998 erschienene Monografie Xiangxiang de yibang 想象的异邦 sehr großzügig und weitestgehend texttreu bei W.A. Havilands Anthropology bedient. Philipp Mahltig zeigte Auszüge aus der Schrift, mit der ein Pekinger Student die Raubkopie Wangs in einer umfangreichen Analyse aufzudecken suchte. So plump wie sich Wangs Übernahme des Materials dadurch entpuppte, so interessant erwies es sich, auch einmal die Liste der Vorwürfe im Detail zu betrachten. Es stellte sich heraus, dass die Arbeitsweise in dieser keineswegs von wissenschaftlicher Sorgfalt zeugte. Philipp Mahltig überspitzte diese Erkenntnis, indem er formulierte, dass hier unwissenschaftliches Arbeiten mit unwissenschaftlichem Arbeiten bekämpft worden sei, und erklärte, dass dieser Fall durchaus exemplarisch für manche Entwicklungen in der chinesischen Wissenschaft sei. Er verwies zudem auf die skurrile Tatsache, dass Wangs chinesisches Plagiat von Haviland teilweise in sprachlicher Hinsicht der offiziellen chinesischen Übersetzung von Anthropology überlegen sei, an der Wang sogar selbst maßgeblich beteiligt war.

Ebenfalls im Panel „Plagiatsdiskussion im gegenwärtigen China“ widmete sich Constanze Müller dem Konzept shanzhai 山寨 (wörtl. u.a. „Bergfestung“). Shanzhai bezieht sich im heutigen China auf das Kopieren und Weiterentwickeln von erfolgreichen Markenprodukten. Die Referentin ging zuerst auf die Wurzeln des Begriffs im chinesischen Roman Shuihu zhuan 水滸傳 (lit. Die Räuber vom Liangshan-Moor) ein und erörterte sodann die Haltung gegenüber shanzhai-Produkten unter chinesischen Konsumenten. Letztere akzeptierten shanzhai zumeist, wenn dadurch verbesserte Qualität zu günstigen Preisen ermöglicht und eine Art rebellischer Gerechtigkeit durch Umgehung von Monopolen erreicht werde. Keinen Zuspruch finde dadurch jedoch einfaches Fälschen im Reich der Mitte.

Sonntag

Am letzten Tag der DVCS-Tagung ging Nils Pelzer in seinem Vortrag auf das Copyright im China der Republikzeit ein. Er stellte dar, dass die Einführung des Urheberrechtsschutzes nach westlichem Muster durchaus den Interessen der Autoren und Verlage gedient habe und das Urheberrecht auch zu einem gewissen Grad im chinesischen Bewusstsein verankert gewesen sei. Unter der Kuomintang-Herrschaft sei das Recht entgegen dem ersten Anschein auch nicht lediglich zu Zwecken der Zensur instrumentalisiert worden. Zwar sei Werken, die nicht mit der Parteilinie in Einklang standen, der Schutz verweigert worden, die ohnehin bestehende Zensur sei aber nicht verstärkt worden.

Eine Neuauflage der Inszenierung von Tradition, Kultur und Macht stand im Zentrum des Vortrags von Maria Khayutina. Sie beschrieb die Verwendung von Dreifüßen (dǐng 鼎), die bis in die chinesische Shang-Zeit zurückzuverfolgen ist. Die eindrucksvollen Monumente werden heute von der chinesischen Regierung als geopolitische Wahrzeichen genutzt. Dabei wird auf Tradition beruhende Legitimation und Autorität versinnbildlicht sowie ein Herrschaftsverhältnis angedeutet.

Mit ihren Vorträgen erschlossen die Teilnehmenden der DVCS-Tagung 2010 das Spannungsfeld von Tradieren und Variieren in China. Zugleich reihten sie sich ihrerseits ein in die chinesische Tradition der „Richtigstellung der Begriffe“ (zhengming 正名). Die lebhaften Diskussionen attestierten dem Tagungsthema seine Aktualität, fielen dabei aber nicht den festgefahrenen Denkmustern der bisweilen sehr einseitigen Berichterstattung zwischen Ost und West anheim. Die Organisatoren äußerten sich sehr positiv zum Verlauf der dreitätigen Veranstaltung. Lena Henningsen erklärte: „Ich für meinen Teil bin sehr zufrieden mit der Tagung – und denke, dass wir eines der größten China-Vorurteile aufgegriffen haben und mit den Arbeiten gezeigt haben, dass die Vorstellung von China als einer ‚People’s Republic of Cheats‘ oder einem ‚Reich der Fälscher‘ so nicht zu halten ist: Zum einen sollten wir Europäer uns an die eigene Nase fassen und sehen, dass es ähnliche Probleme zu allen Zeiten bei uns auch gegeben hat, zum anderen haben die Vorträge gezeigt, dass Variation oftmals ein gutes und auch als in Ordnung befundenes Mittel zur Herstellung von Neuem war – und dass die Kreativen des Landes sehr wohl auf ihrem geistigen Eigentum bestanden und bestehen, auch wenn die Begriffe damals natürlich nicht die unserer westlichen Rechtssprache waren.

Interessierte dürfen sich übrigens schon auf den Tagungsband freuen, der im Laufe des Jahres 2011 zusammengestellt und in der DVCS-Reihe erscheinen wird. Die nächste Tagung der Deutschen Vereinigung für Chinastudien wird aller Voraussicht nach in Berlin stattfinden. — Jonas Polfuß

德国汉学协会(DVCS)大会报告:传统?变体?剽窃?  PDF

很多读者应该还有印象,2008年冬季版的《点墨》曾刊登了一篇关于中国的剽窃现象以及一个可能的、具有中国特征的“抄袭文化”的报道。这个话题也是2010年在海德堡举行的德国汉学协会大会(DVCS)的重点论题之一。在本届大会上,来自以德语为母语的国家的汉学家和中国学学者就一些重要论题展开了思想交流。本届大会的主导思想是:“传统?变体?剽窃?-主题及其在中国的适应变化”。在此主导思想的指导下,与会学者就中国文化传统中的原创性和权威性的相互影响展开了深入的讨论。就此,与会学者从11月26日到28日在海德堡汉学系以及位于海德堡大学的名为“全球化下的亚洲和欧洲:转移文化流动中的不对称性”的卓越联盟研究院听取了将近30个报告。

Lena Henningsen与Martin Hofmann一起承担了此次大会的组织工作。在大会开幕时Lena Henningsen 介绍说,在媒体中中国常常被不经思考地描绘成一个模仿和剽窃大国,而本届大会的宗旨就是要以批评性的眼光对媒体中的此类报道提出质疑。此次大会的不同研究课题跨越了从先秦时期到近现代的历史范围。关于古时期的报告大多数侧重于哲学和文学中的重新被拾起的概念和主题,而关于近现代的报告则将眼光投向了中国的盗版产品等话题。以下仅简单介绍部分报告的内容以及每一报告后的讨论内容。

星期五

Oliver Radtke在周五的“概念史”的讨论中营造了愉快的氛围。他介绍了一些有意思的关于措辞不当的例子。这些例子来源于标牌以及广告用语的英文翻译,措辞不当是因为将中文翻译成英文的人并不能娴熟地运用英语。这些措辞不当的中式英语常常是翻译软件的产物。听取报告后,大家围绕一个问题进行了讨论,即这些中式英语是否具有语言理论研究的价值还是只是装饰品而已。

Christian Soffel 向与会者介绍了他的关于“集大成”主题的研究成果。“集大成”的早期形式在《孟子》中已经有所提及,后来发展成为中国思想史中的一个关键性概念。这在朱熹(1130-1200)和钱穆(1895-1990)的诠释方法里都得到示范性的体现。

星期六

根据7世纪的佛教和道教的资料文献,Friederike Assandri 试图展示在中国很早就形成了和知识产权有关的思想。佛学的文人曾抱怨说有人实施了“概念盗窃”。报告人将此诠释为知识产权的雏形,但是这种诠释方法在听众中引起了异议。听众们认为报告人所列举的概念盗窃的例子还不充分,不至于被归类到这样的类别里。

Philipp Mahltig在他的报告中介绍了一个发生在21世纪的中国的学术剽窃案。该丑闻的焦点人物是北京大学的王铭铭教授。王铭铭教授在2002年被证实有学术剽窃行为,该行为随后也被新闻媒体曝光和披露。他在1998年出版的专著《想象的异邦》中严重抄袭了哈维兰(W.A. Havilands)的著作《当代人类学》一书。Philipp Mahltig展示了能够证明王铭铭抄袭行为的文字节选。这些文字节选出自一名北京大学生之手。这名大学生通过大量的分析来揭露王铭铭的剽窃行为。王铭铭的抄袭很是笨拙,也容易被识破,但谴责部分的细节内容也很有意思。结果最后证明,这种工作方式根本不可能会带来学术的严谨。Philipp Mahltig 有点夸张地指出,在这里是用不科学的工作来与不科学的工作斗争。他解释说,这个案件完全可以表明中国学术界的一些发展。此外,他还指出这样一个滑稽可笑的事实, 即从语言的角度来看,王铭铭抄袭哈唯兰的著作在某些地方要比《当代人类学》的正式版的中文翻译好的多,而王铭铭本人则参加了该正式版的中文翻译工作。

Constanze Müller  也在“当代中国的剽窃论”讨论小组中谈到了“山寨”这个概念。在现代中国,“山寨”指的是对成名品牌的仿造以及再开发。报告人首先介绍了“山寨”在小说《水浒传》里的本来含义,接着介绍了中国消费群体对山寨产品所持的态度。如果山寨产品质量更好而价格便宜, 并且带有一种反垄断的正义性,那么大部分中国消费者都能接受山寨产品。而简简单单的伪造在中国并不能受到青睐。

星期日

在本届德国汉学协会大会的最后一天,Nils Pelzer 在他的报告中介绍了民国时期中国的著作权。他指出,按照西方模式引进对著作权的保护绝对地维护了作者和出版社的利益,著作权的概念也在一定程度上在中国人的意识里生根发芽。他还继续表明,在国民党统治时期,法律并不象表面上看起来那样,并不只是为官方对艺术作品和文章的审查而服务的工具。虽然违背党的宗旨的著作不受著作权的保护,但是并没有强化原有的对文章的审查。

Maria Khayutina 的报告的重点是对传统、文化和权力的新的诠释形式。她对鼎的使用进行了阐述。鼎可以追溯到中国的商代,是给人带来深刻印象的纪念物。现在中国政府将鼎作为地缘政治的标志。这不仅体现了建立在传统上的正统性和权威性也同时表明了统治关系。

德国汉学协会2010年大会的与会者通过他们的报告开辟了一片关于中国传统和变体的充满争议的领域。同时,与会者也加入了中国“正名”的传统。这些热烈活跃的讨论证实了大会论题的现实意义,也摆脱了东方和西方媒体极为片面的报道中的僵化的思维模式。大会的组织者对为期三天的本届大会的活动给予了积极的评价。Lena Henningsen表示说:“我本人对本届的大会感到非常满意。我认为我们着手研究了一个最大的关于中国的偏见。通过这些报告我们可以表明,将中国介绍成为一个“诈欺人民共和国”或者“伪造大国”是没有充分理由的。一方面,我们欧洲人应该自省并认识到我们在各个历史时期也有类似的问题。另一方面,报告也表明变体往往是一件好的、并被视为合理的能促进创新的工具。即便当时这些概念理所当然地没有使用我们西方的法律语言,这个国家的创新人员过去依赖了也将继续依赖它的精神财富。”

此外,在2011年本届大会的报告将被汇编成册,并以德国汉学协会系列图书的形式被出版。有兴趣的读者敬请期待本届大会的专题集。下一届的德国汉学协会大会预期在柏林举行。— Jonas Polfuß


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