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Sich ein bisschen Nachhaltigkeit zu Gemüte führen

2010 August 28
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Ein Besuch auf der EXPO in Shanghai

Am 30. April 2010 wurde mit großem Aufwand und viel Pyrotechnik die bis dahin größte Expo, die die Welt bis dahin gesehen haben sollte, in Shanghai eröffnet. China erhofft sich viel von der Ausstellung und hat dementsprechend eine Menge Geld und Aufwand in das Spektakel gesteckt. 242 Austeller und 192 Nationen präsentieren sich in Shanghai neben 50 internationalen Organisationen. Unter dem Motto Chengshi rang shenghuo geng meihao 城市,让生活更美好, zu Englisch „Better City, Better Life“ werden bis Ende Oktober und 70 Millionen Besucher erwartet, davon drei Millionen aus dem Ausland. Ob sich diese Erwartungen erfüllen, bleibt abzuwarten.
Das Motto „Better City, Better Life“ stellt die Frage nach der zukünftigen Gestaltung unserer Städte. Wie sollen sie sich unter wachsenden Problemen von Umweltbelastung und Zuwanderung entwickeln? Wie sehen Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung aus und wie wurden diese bereits in den teilnehmenden Ländern umgesetzt? Diese Fragen versuchen die einzelnen Pavillons mehr oder minder erfolgreich in ihren Pavillons zu beantworten.

Da das Expo Gelände sich über beide Flussufer des Pudong Flusses erstreckt, fällt es schwer, sein Ticket an einem Tag wirklich geltend zu machen. Dazu kommen Wartezeiten bis zu sechs Stunden vor den beliebtesten Pavillons wie Deutschland oder England, die es unmöglich machen, mehr als drei bis vier am Tag zu sehen. Das Wetter in Shanghai ist der ohnehin schon angespannten Situation nicht gerade zuträglich und so entladen sich aufgeheizte Gemüter am Eingang. Wenn man das Glück hat, durch einen der Seiteneingänge hineinzukommen, erspart man sich einige Kopfschmerzen.


Das Außendesign des deutschen Ausstellungsortes ist im Vergleich zu anderen Nationen eher als schnöder Betonbau zu bezeichnen, auch wenn die Außenhaut aus recyclebarem Material besteht. Man sollte sich jedoch nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen, denn Deutschland bietet ein durchdachtes Konzept und viele interaktive und informative Attraktionen. Nicht umsonst ist er neben dem englischen, saudi-arabischen und dem chinesischen einer der beliebtesten Pavillons der Expo. Deutschland präsentiert eine Stadt der Ideen, die sich inhaltlich vom Stadtrand in Richtung Zentrum vorarbeitet. Unterteilt ist die Ausstellung in Planungsbüro, Depot, Fabrik, Atelier, Design und deutsche Technik. Weiterhin wird versucht, Besonderheiten deutscher Stadtkultur darzustellen, wie etwa Park und Kleingartenkultur, welche im städtischen Raum als ökologische Oase einen wichtigen Teil von Lebensqualität darstellen. Natürlich wird auch für Gelegenheiten gesorgt, sich vor „typisch“ deutscher Heimatkulisse fotografieren zu lassen.


Als Posterkind des Umweltschutzes hat Deutschland das Thema der Expo natürlich ernst genommen und versucht, wenn auch manchmal zu sehr auf den Erziehungsknopf gedrückt, sich wirklich mit urbaner Entwicklung, seinen Folgen und Lösungen in Deutschland auseinanderzusetzen. Das mag im Vergleich zu den chinesischen Zuständen wie in Shanghai manchmal etwas putzig wirken, jedoch bieten Projekte wie die Hafencity Hamburg, Carsharing, Leuphana Universität Lüneburg oder die Solarsiedlung des Freiberger Stadtteils Vauban Ansatzpunkte zur Lösung von Problemen urbanen Wachstums. Von Energie bis Mobilität werden bestimmte Teile des städtischen Lebens beleuchtet und versucht, komplexe technische Projekte unterhaltsam und einfach zu erklären. Das manchmal Touchscreens, hypersensible Sensorkameras und andere technische Spielereien die Inhalte ein wenig in den Hintergrund geraten lassen, ist vielleicht zu bedauern, aber unumgänglich.

Denn in erster Linie ist man ja hier, um Spaß zu haben und sich nebenbei, wenn lange Wartezeiten einem nicht schon die Laune verdorben haben, ein bisschen Nachhaltigkeit zu Gemüte zu führen. Höhepunkt der Unterhaltung stellt unangefochten die Energiezentrale dar. Lautes Schreien bewegt eine überdimensionale Diskokugel und soll dem Besucher klarmachen, dass auch er durch seine eigene Energie, Dinge und vielleicht auch die Welt verändern kann. Hier wird die Expo ihrer Rolle gerecht, nämlich als riesengroßer Vergnügungspark mit Erziehungsauftrag zu dienen. Denn mehr ist die Expo nicht.

Wie man ästhetisch vollendet dennoch am Thema vorbeischrammen kann, demonstriert Chile. Es zeigt sich als moderner lateinamerikanischer Staat mit organischem Design und der Frage, wie wir unser gemeinsames Zusammenleben in Städten formen können. Mehr als ein paar Videoinstallationen und viel Platz zum Weinverkauf sind aber leider nicht dabei herausgekommen. Bei manchen Pavillons kann man sich bei Slogans wie „Ein Paradies für das Volk“ (Nordkorea) nur schwer das Grinsen verkneifen. Aber wenn man nicht mit überragenden Werten im Umweltschutz und langen Schlangen glänzen kann, dann wenigstens mit einem Ego, das einer großen Zukunft ebenbürtig ist. — Christina M. Kirchhof

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