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Großstadttagebuch – Berichte aus Hongkong #5

2010 Juli 21

Aus aktuellem Anlass gibt es einen Kurzeintrag meines Hongkong-Tagebuches direkt hier auf dem Blog:

„Act Now“ (23. Juni 2010)

Es ist wieder soweit. Tausende von jungen Menschen belagern die Innenstadt Hongkongs, lauthals skandierend unterstützt von dröhnenden Vuvuzela-Hörnern. „Ach, diese pöbelnden Fußballfans mal wieder“, mag man im ersten Moment denken. Aber nein, weit gefehlt. Es handelt sich um die hiesige Demokratiebewegung, die sogenannte Post-80er-Generation, die sich einmal mehr stark gegen das Reformpaket der Regierung ausspricht. Aber vielleicht sollte ich erst einmal die Fronten des politischen Straßenkampfes definieren:

In der einen Ecke des Ringes befinden sich die Post-80er, welche in der Mehrheit junge Studenten sind, die nach 1980 geboren wurden und soziale Verantwortung übernehmen wollen im Angesicht der sich, nach ihrer Meinung, verschlechternden Stadtgesellschaft unter der starken direkten und indirekten Einflussnahme Pekings. Die Regierung ist ihnen ein Dorn im Auge, argumentieren sie doch, dass alle Entscheidungen vom Festland gesteuert sind. Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung zu Beginn diesen Jahres, als der Legislative Council (das lokale Parlament bzw. der Stadtsenat) den Bau einer 8,9 Milliarden US-Dollar teuren Hochgeschwindigkeitsbahntrasse bewilligte, die Hongkong direkt mit Shenzhen und Guangzhou verbinden soll. In der gegenüberliegenden Ringecke haben wir nun die Regierung, die krampfhaft versucht, Hongkong aus der Finanzkrise zu führen und als Wirtschaftszentrum Südostasiens zu reetablieren. Natürlich geht das kaum mehr ohne Hilfe und Verbindung mit dem Mutterland. Die größte Sorge der Regierung ist, dass man hinter der Entwicklung jenseits der innerchinesischen Grenze zurückbleibt. Rein technisch gesehen ist das bereits heute schon eine Tatsache. Traditionell schauten die Hongkonger immer prahlerisch aufs Festland herab und priesen ihre Errungenschaften. Heute aber hält die Angst Einzug, in die zweite Reihe der Wirtschaftsstandorte an Chinas Ostküste abzurutschen. Die Hochgeschwindigkeitstrasse ist da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, die allem Anschein nach auch noch 5-8 Jahre zu spät kommt.

Soweit sind beide Lager recht ausgeglichen in ihren Standpunkten. Je mehr man sich nun mit der Materie beschäftigt, umso klarer wird, dass sich beide mit ihren Positionen verfahren haben. Man kann sich kaum auf eine Seite schlagen oder auch nur ansatzweise ausmachen, welches die „gerechte“ oder „richtige“ Sache ist. Lücken, ja sogar riesige Krater in den Argumentationsketten findet man in beiden Lagern. Beide machen Fehler und treten kaum absolut geschlossen auf, was die Situation nur noch konfuser erscheinen lässt.

In Gesprächen mit Post-80er-Aktivisten erzählte man mir, wie sich seit der Einflussnahme Chinas nach 1997 angeblich soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Arbeiterausbeutung ausbreiten. Man solle sich wieder abschotten und Hongkong zu einem besseren Ort für zukünftige Hongkonger Generationen machen. Aber wer genau sind denn nun eigentlich diese Hongkonger? Die Stadtbevölkerung besteht ethnisch gesehen aus ca. 80 – 90 % Festlandchinesen, die als Flüchtlinge nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Stadt kamen. „Waschechte“ Hongkonger sind eher in der Minderheit. Somit hat fast jeder Familienangehörige auf dem Festland. Dementsprechend gleitet dann auch mein Gespräch mit einer der Aktivistinnen ins Private ab. Da erzählt sie mir über ihre Wochenendpläne, in denen sie die Großeltern in Kunming besuchen will. Das verwirrte mich, hatte sie doch gerade alles Festlandchinesische inbrünstig abgelehnt. Solche ambivalenten Überzeugungen sollten mir noch öfter begegnen.

Die Regierungsseite erscheint ähnlich schwankend. „Act Now 2012“ ist der Name einer der weitreichendsten öffentlichen Kampagnen, die ich je gesehen habe. Die Regierung warb mit diesem HK$ 15 Millionen-Vehikel wochenlang für ihr neues Reformpaket, welches unterm Strich allerdings sehr notdürftig ausfallen wird, da man sich nach den Richtlinien Pekings orientieren muss. Plakate, Fahnen, Werbespots, Internetbanner – nichts blieb verschont von der flächendeckenden Beschallung. Manche sprachen über Veruntreuung von öffentlichen Sendeplätzen in TV und Radio, ja sogar davon, dass wahrscheinlich das Doppelte des überteuerten Budgets in die Kampagne geflossen sei und man es hier mit einem Buchhaltertrick sondergleichen zu tun hätte. Unendlich Wasser auf die Mühlen der Gegner also. Aber warum so eine Kampagne? Es konnte doch keiner der Hongkonger Bürger direkt darüber abstimmen. Ziel war es einzig und allein, die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen, damit die Demokraten im Legislative Council für das Paket mit Ja stimmen konnten.

Die Motivationen der Politiker sind somit klar und offensichtlich, ja man möchte schon fast sagen „transparent“. So geradlinig gestaltet sich die Sache im Demonstrantenlager leider nicht. Schaut man sich die Mehrheit der Beteiligten an, so fällt auf, dass die meisten bestenfalls als Post-1990er eingestuft werden müssen. Viele sind mitten im Bachelorstudium, kommen frisch aus dem Auslandssemester oder bereiten sich darauf vor. Es handelt sich um eine Generation, die kaum noch Erinnerungen an ein Leben in der Kronkolonie hat und mit chinesischer Popkultur aufgewachsen ist. Eine Generation also, die doch die Vorteile des neuen Systems genießt und im Grunde so wenig über hiesige Lokalpolitik weiß, wie ich selbst. Jetzt mag das zynisch und auch ein wenig überheblich klingen, aber ich erlebe diese Generation als absolut der Popkultur und dem Konsumrausch verschrieben. In kaum einer anderen Stadt ist die Unterhaltungsindustrie so tonangebend und essenziell für das Leben von Jugendlichen wie hier. Ich machte die Probe aufs Exempel und fragte eine Gruppe von „überzeugten“ Post-80s: „Wenn heute ein Konzert von MAYDAY stattfindet, würdest du hierher zum demonstrieren kommen oder das Konzert besuchen?“ (Anmerkung: MAYDAY is mit Abstand die populärste Popmusikband in China und gab mehrere Konzerte zwei Wochen zuvor. Facebook in Hongkong listet MAYDAY sogar in der Kategorie „Religiöse Ansicht“ im Benutzerprofil). Nun konnte ich förmlich den Gewissenkonflikt in ihren Gesichtern sehen, die Frage war unbequem. Nach kurzem Zögern antwortete sie mit einen leicht hilflosen Lächeln: „Hierher, zum demonstrieren“.

Das ist nun also die Zielgruppe der Regierung, die es galt zu überzeugen. Leichtes Spiel möchte man jetzt denken, aber die Realität sieht wie immer anders aus. Die „Anker-lichten“ (起錨) Kampagne war von vornherein zum Scheitern verurteilt, legte sie doch die bloße Leere der regierenden Politik offen. Einmal mehr vermochte man es nicht, die Nöte und Bedenken der Einwohner direkt zu adressieren, auch wenn dieses Mal echte Menschennähe demonstriert wurde. Die Topriege der Regierung tourte wochenlang durch die Stadt, schüttelte Hände, stellte sich öffentlichen Diskussionen. Stets verfolgt von Reportern und einem Tross von wirklich überzeugten radikalen Aktivisten, die einfach nichts unversucht ließen, um jede dieser Veranstaltungen zu stören. Aber das war im Grunde kaum nötig, standen sich, die Politiker doch selbst im Wege. Bei einem Diskussionsforum in einer Mittelschule vermochte es eine pfiffige Lehrerin, den Chief Secretary, Henry Tang, bloß zu stellen, als sie die Beispiellosigkeit der momentanen Politik offenlegte. „Wie können wir unseren Schülern liberale politische Werte vermitteln, wenn sie von uns verlangen, nicht zur bevorstehenden Distriktwahl zu gehen, um damit indirekt das 2012 Paket zu unterstützen, wenn Wahlrecht doch die Pflicht eines jeden demokratischen Bürgers ist?“ Die Ratlosigkeit sprang Tang förmlich aus dem Gesicht und verursachte Kopfschütteln bei den Schülern, die auch gleich ihrer Lehrerin laut applaudierten.

Der 23. Juni war nun also der große Tag der regierungsinternen Abstimmung zum vorgelegen 2012-Paket. Die allgemeine Stimmung auf der Straße war schon im Vorfeld ordentlich angeheizt worden durch all die Veruntreuungsartikel in den freien Medien. Deshalb besetzte man schon frühzeitig strategische Punkte in der Stadt, um sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Während sich vor dem Regierungsgebäude, in dem die Abstimmung stattfand, eine aufgebrachte Menge von mehreren tausend skandierenden Act-Now-Gegnern aufbaute, so dass die Politiker nach der Versammlung unter Polizeischutz nach Hause eskortiert werden mussten, versammelten sich andernorts Befürworter des Paketes zu einem Freudenfest bei traditionellem Drachentanz. Hier wurde die Situation nun endgültig unübersichtlich, waren die Befürworter doch auch Post-80er-Jugendliche. Sollte die Regierungskampagne nun also doch Erfolg gehabt haben? Allem Anschein nach ja. Die Demokratiebewegung hat sich offenbar gespalten. Im Vergleich zu den Protesten vor nur fünf Monaten ist ihre Stimme merklich geschwächt. Also wurde das Pseudoreformpaket ratifiziert.

Nun stellt die von mir dargestellte Lage lediglich einen kleinen Ausschnitt des Gesamtbildes dar, eine Momentaufnahme bestenfalls, und ist keineswegs vollständig. Fest steht aber, dass man als neutraler Beobachter dieser Tage kaum noch den Überblick behalten kann und stark daran zweifelt, ob Demokratie überhaupt noch funktioniert. Diese Frage können momentan bestimmt auch nur die wenigsten Einheimischen beantworten.

Fotos Amy Ip Ka-Man

Text Marco Sparmberg

Marco Sparmberg arbeitete an der Bauhaus-Universität Weimar, studierte MFA Film, TV & Digital Media an der Hong Kong Baptist-University und ist zur Zeit als leitender Projektentwickler bei Salon Films (H.K.) Ltd. beschäftigt.

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