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Jeder wisse, dass es Theater sei

2010 März 6
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Ein Kommentar zur Lesung von Mo Yan in Wien, Herbst 2009.    Von Martin Winter.

Am 28. Oktober 2009 hat Mo Yan an der Universität Wien aus seinem Roman „Shengsi pilao“ (deutscher Titel: Der Überdruss) im Rahmen der „Der chinesische Schriftsteller Mo Yan: Chronist seiner Zeit. Eine Bilanz zum 60.Gründungstag der VR China. Lesung – Gespräch – Diskussion“ vorgelesen. Es war sehr schön, ich mag seinen Humor. Ich habe seinen Roman „Jiu Guo“ (dt. Die Schnapsstadt) auf Chinesisch gelesen, und andere Romane auf Deutsch. Er ist ein netter alter Herr, sehr ehrlich und schlagfertig. Die Lesung wurde in Zusammenarbeit vom Konfuzius-Institut Wien, vom Universitätsinstitut für Ostasienwissenschaften und vom Österreichischen PEN-Klub gemeinsam veranstaltet.

Mo Yan hat viele Fragen beantwortet, zu seinen Büchern und auch zu allgemeinen Themen. Er sagte, die grausamen Szenen in seinen Romanen seien künstlerisch notwendig, er arbeite eben mit starken Kontrasten. Außerdem sei er in einer gewalttätigen Zeit aufgewachsen, wie viele seiner Kollegen, z.B. auch Yu Hua. Er finde, man dürfe als Autor nichts beschönigen, schon gar nicht aus ästhetischen Gründen. Mo Yan gab zu, dass er in den 80er Jahren, wie auch viele seiner Kollegen, stark unter dem Einfluss von Gabriel Garcia Marquez gestanden sei. Er habe 20 Jahre gebraucht, um sich davon zu lösen. Die Hauptquelle seiner Romane sei jedoch die traditionelle Kultur der Menschen auf dem Land.

In Der Überdruss (Shengsi Pilao) komme z.B. die Grundidee der Wiedergeburten der Hauptperson aus dem Buddhismus. Das Dorf, die Häuser und die Tiere sind aus meiner Kindheit und Jugend, sagte Mo Yan. Natürlich sei dann noch Einiges an Vorstellungskraft dabei, wie bei jedem Schriftsteller. Zu einer Frage, wie er die Lage in China anlässlich 60 Jahre seit der Gründung der Volksrepublik einschätze, antwortete Mo Yan, dazu müsse sich jeder selbst ein Bild machen. Ob es den Menschen heute besser gehe als etwa vor 30 Jahren, das müsse ein jeder in China in seiner jeweiligen Umgebung selbst beantworten. Er könne nur von sich selbst sprechen. Ihm gehe es besser als vor 30 Jahren, in seiner Umgebung.

Die Militärparaden zum 60-Jahr-Jubiläum seien ihm auch auf die Nerven gegangen, die Panzer seien direkt an seiner Wohnung vorbeigefahren und hätten ihn nicht schlafen lassen, außerdem konnte er durch die Absperrungen nicht in seinen Lieblingspark gehen. Ob an den Militärparaden auch etwas Gutes gewesen sei, müsse ebenfalls jeder selbst beantworten. Dass es verschiedene Meinungen gebe, die etwa im Internet auch recht deutlich kundgetan würden, sei jedenfalls ein Fortschritt. Die Regierungsverantwortlichen in China sollten sich daran gewöhnen, dass es ganz verschiedene Stimmen gebe, und manche davon nicht angenehm im Ohr klängen.

Zu weiteren Fragen nach den Hintergründen der Wiedergeburten der Hauptperson in seinem letzten Roman und zu den fantastischen Szenen in der Hölle im ersten Kapitel sagte Mo Yan, die Drastik komme aus der ländlichen Tradition des Theaters. Da gäbe es viele grausame Szenen, aber jeder wisse, dass es Theater sei. In Europa hängen ja Kruzifixe und andere drastische Leidensdarstellungen in jeder Kirche, das fände auch selten jemand zu übertrieben. Natürlich seien die Richter und das Gerichtspersonal der Unterwelt den weltlichen Gewalten nachgebildet, das sei ja immer schon so gewesen. Wenn der Höllenfürst Yama den Romanhelden Ximen Nao immer wieder als ein anderes Tier auf die Erde zurückkehren lasse, müsse man das aus diesem Kontext verstehen, in dem die Verhältnisse in der Unterwelt jede in der Welt der Sterblichen widerspiegeln.

Zu der immer widerkehrenden Kritik der grausamen Szenen in seinen Romanen, wie das Hautabziehen in „Das rote Kornfeld“ (Hong Gaoliang), die Demütigungen der revoltierenden Bauern in „Die Knoblauchrevolte“ (Tiantang suantai zhi ge) und die Folter in „Die Sandelholzstrafe“ (Tanxiang xing) sagte Mo Yan abschließend, er selbst beobachte seit 2001, als „Die Sandelholzstrafe“ herauskam, eine Entwicklung zu einem kontrollierteren Einsatz an drastischen Szenen. „Die Sandelholzstrafe“ sei auch der erste Roman gewesen, in dem er sich vom Einfluss aus dem lateinamerikanischen magischen Realismus ganz befreit habe, jedenfalls aus seiner eigenen Sicht.

In seinem neuesten Roman, der in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Shouhuo (Harvest) vorabgedruckt werde, gebe es wieder sehr deutliche traditionelle Motive und einen zumindest aus seiner Sicht kontrollierten Einsatz von Gewalt. Insgesamt war es ein sehr interessanter und lehrreicher Abend. Die Aula der Universität war voll besetzt, obwohl in diesen Tagen in Wien viele Studentendemonstrationen stattfanden. Frau Professor Weigelin-Schwiedrzik, die Mo Yan eingeladen hatte, war sehr stolz darauf, dass Mo Yan gleich nach seinem Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse nach Wien kam, damit nehme die Wiener Universität eine Vorreiterolle im deutschsprachigen Raum ein. Auch der Präsident des österreichischen PEN-Klubs, Prof. Greisenegger, war sehr angeregt vom Besuch dieses berühmten chinesischen Schriftstellers. Prof. Greisenegger verglich eine Szene aus Mo Yans neuem Roman mit seinen eigenen Kindheitserinnerungen auf dem Land und wies auf die Bereitschaft des internationalen PEN-Klubs und der Schriftsteller in Österreich zu intensiveren Kontakten mit chinesischen Kollegen hin. Ich selbst bin sehr froh, dass ich Mo Yan nun in Wien erleben durfte, nachdem ich ihn auf der Frankfurter Buchmesse versäumt hatte. Die Veranstaltung war auch noch besser organisiert als die Lesung von Yu Hua Ende September, es gab nämlich Bücher von Mo Yan zu kaufen, die man sich vom Autor signieren lassen konnte. Leider waren es viel zu Wenige.

Martin Winter ist Übersetzer für Chinesisch und Englisch. Er hat u.a. „Die chinesische Geliebte“ von Hong Ying ins Deutsche übertragen.

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