Skip to content

Praktikumsbericht

2009 August 1
by

Im chinesischen Haifischbecken-Verkehr von Peking

von Tobias Leluschko

Ich mochte Peking eigentlich nie so wirklich, viel zu verschmutzt und unpersönlich. Die Großstädte Chinas sind einfach anders als unsere überschaubaren „Kleinstädte“ in Deutschland. Nach 2-jährigem Chinesisch-Studium an der Sichuan University in Chengdu stand ich im Juli 2008 wieder mit gemischten Gefühlen in Peking. Olympia sollte in einem Monat stattfinden und ich tatsächlich dabei sein; so richtig realisieren konnte ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Überrascht war ich von der relativ guten Luft und dem sich über mehrere Tage festsetzenden blauen Himmel Pekings. Diese Stadt war definitiv nicht mehr dieselbe, die ich ein Jahr zuvor gesehen hatte. Diese Stadt war sauber, bepflanzt mit unzähligen frischen Blumen und neu gesetzten Bäumen. Sämtliche Parks und Sehenswürdigkeiten hatten ein frisches „face lifiting“ verpasst bekommen und warteten nun darauf, die aus allen Richtungen der Welt kommenden Besucher zu empfangen.

Ganz anders dagegen waren die Verhältnisse in Peking, als ich mich Anfang 2007 als Assistent für die ARD schriftlich beworben hatte. Gesucht wurden Leute, die Chinesisch und Englisch sprechen können und sich zutrauen, im chinesischen Haifischbecken-Verkehr Auto zu fahren. Nach 2 Jahren Fahrrad fahren in China schien mir Auto fahren auf jeden Fall sicherer als Fahrrad fahren. Nach einem abschließenden Interview in Peking bekam ich Ende 2007 die Zusage, als Redaktion- und Produktionsassistent der ARD mit an Bord zu sein. Unser Job ging schon einen Monat vor dem Start der Olympischen Spiele los. Im International Broadcasting Center (IBC) sollte unser neues Zuhause für die kommenden Monate sein. Die ARD und ZDF hatten dort ihre Büroräume der Produktion und Redaktion eingerichtet und natürlich auch ihr Olympiastudio.
Es gab zu Beginn eine Menge Organisatorisches zu tun und hier kamen wir zum Einsatz. Außer Tischen, Stühlen, Klimaanlagen und einem Kühlschrank standen die Räume leer. Im Wesentlichen bestand daher unsere erste Aufgabe darin, shoppen zu gehen, zu übersetzen, die Büros fit zu machen und die später ankommenden Mitarbeiter der Redaktion vom Flughafen abzuholen. Unsere Arbeitszeiten waren zu dem Zeitpunkt humane 8 Stunden pro Tag.
Wir alle hofften zu dem Zeitpunkt natürlich auch etwas von den Spielen mitzubekommen, bestenfalls die Eröffnungsfeier, aber bis dahin mussten wir uns noch gedulden. Die Stimmung im Team war aber super und auch neben den Arbeitszeiten wurde das ein oder andere Tsingtao Bier im Pekinger Nachtleben getrunken. Nach und nach kamen immer mehr Mitarbeiter in Beijing an. Je näher der 8.8. 2008 rückte, desto angespannter wurde die Atmosphäre und hektischer das Treiben im IBC. Wir waren auf einmal über 30 Redaktions- und Produktionsassistenten, die Mehrzahl Deutsche, die schon ein oder zwei Jahre in China studiert hatten oder Muttersprachler, die schon mehrere Jahre in Deutschland studierten. Da rund um die Uhr Olympia gesendet wurde, erfolgte die Einteilung in Schichtdienste. Unsere Arbeitszeit stieg dadurch auf ca. 10h pro Tag. Viele von uns wurden an den verschiedenen OlympicVenues, auf denen die ARD und das ZDF vertreten waren, verteilt. Für jedes Venue wurde ein großes Team eingesetzt, das ausschließlich am Venue arbeitete und ihr Material live oder als schon geschnittene Version dem IBC überspielte.
Ich hatte das Glück, für ein paar Tage am Water Cube einzuspringen, da einer von den Assistenten abgesprungen war. Eine schöne Gelegenheit, den Water Cube von innen kennenzulernen. Kurz vor dem 8.8 stand das Glück dann wieder auf meiner Seite, ich konnte am Birds Nest für eine Woche arbeiten. Unsere Olympia Akkreditierungen, welche uns den Weg in jedes Venue umsonst ebnete, galt für die Eröffnungsfeier nicht. Aufgrund der strengen Sicherheitsmaßnahmen gab es zusätzlich spezielle Sticker, die man benötigte, um ins Stadion zu kommen. Als Mitarbeiter am Birds Nest bekam ich glücklicherweise einen der wenigen begehrten Sticker für die Eröffnungsfeier. Die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Peking live zu sehen, war eines der beeindruckendsten Erlebnisse in meinem Leben.
Die restlichen 2 Wochen der olympischen Spiele habe ich am Ruder Venue gearbeitet. Das Ruder Venue lag im eineinhalb Stunden nördlich gelegenen Shunyi. Umgeben von Bergen und guter Luft war es ein wirklich sehr schönes Venue. Meine Aufgabe war es, die Ruder-Redaktion täglich zu fahren und zu unterstützen. Neben der Eröffnungsfeier habe ich noch ein paar Basketballspiele gesehen, das Tischtennisfinale und natürlich jede Menge Ruder- und Kanuwettbewerbe.
Nach 50 Tagen Durcharbeiten waren die olympischen Spiele zu Ende. Natürlich ging das an die Substanz, aber die Arbeit hatte so viel Spaß gemacht, dass es letztendlich zweitrangig war. Es zählte nur das Erlebte. Nach einer Woche Urlaub ging es dann weiter mit den Paralympics. Diesmal sollte ich im Studio arbeiten. Über wenige Tage wurden die Logos ausgetauscht, die Stadt behindertengerecht gemacht und die Redaktion ausgetauscht. Unser Team war diesmal deutlich kleiner als zuvor, das Studio war aber immer noch das gleiche Olympiastudio. Ich muss zugeben, dass ich vorher noch nicht viel von den Paralympics mitbekommen habe. Daher war ich ziemlich überrascht, wie professionell, unterhaltsam und Interessant die Spiele der Paralympics in Peking waren.

Es wurde viel über die Hintergründe der Sportler berichtet und viele Gäste wurden eingeladen, u.a auch unser Bundespräsident Köhler, der sich sehr für den Behindertensport einsetzt. Die Arbeit im Studio war eine gute Abwechslung zu meinen vorangegangen Aufgaben. Ich war beeindruckt, mit wie viel Detail Sportfernsehen gemacht wird. Jeder Kamerawinkel oder Kameralauf, Licht und Schatten, jedes Studioornament und jede Moderatorpose wurden genau abgestimmt und geprobt, bevor aufgezeichnet wurde. Auch die Moderatoren benötigen manchmal ihre Spickzettel.
Am Ende hatte ich, abgesehen von einer Woche Urlaub, 70 Tage Olympia erlebt. Es war eine tolle Erfahrung für mich, bei einem Mega Event von Anfang bis Ende in verschiedenen Positionen mitgearbeitet zu haben. Hier in Deutschland erinnere ich mich immer wieder gerne zurück, während der Zeit der olympischen Spiele hat sich mir Peking als reizvolle Stadt offenbart, in die ich mir vorstellen kann, noch einmal zurückzukehren.

Tobias Leluschko studiert Wirtschaft und Politik Ostasiens an der Ruhr-Universität Bochum.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: