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Chinas Weg zum Global Player

2008 November 5
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Eine ökologische und ökonomische Herausforderung. Von Edgar Endrukaitis.

Chinas rasante Entwicklung

Nach dem Motto „Development first, Clean up later“ entwickelt sich Chinas Wirtschaft seit Ende der 70er Jahre mit jährlich rund 9 Prozent Wachstum zwar rasant, aber auch auf Kosten der Umwelt. Der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 führte zur weltwirtschaftlichen Integration des Landes und brachte erhebliche Investitionen ausländischer Unternehmen, die mit über 60 Mrd. US $ jährlich unter allen Ländern weltweit die höchsten sind. China mutiert zur Werkbank der Welt. Textilien, Spielwaren, Sportartikel, Elektrogeräte wie DVD-Spieler und Digitalkameras etc. – fast alles „Made in China“. Nicht wenige Ökonomen rechnen damit, dass China im Jahre 2040 zur größten Volkswirtschaftmarkt der Welt heranwächst.

Eine Triebfeder des wirtschaftlichen Aufschwungs ist die neue Politik des „Xiao Kang“, des bescheidenen Wohlstands. Bis 2020 soll sich das BIP laut Regierungsvision vervierfachen. In den letzten 25 Jahren sind über 400 Mio. Menschen aus absoluter Armut befreit worden – eine weltweit einmalige Leistung. Diese Politikvision hat gleichwohl Konsequenzen. Schon heute hat das Wirtschaftswachstum bedingt durch die Größe des chinesischen Marktes weitreichende ökonomische Auswirkungen auf die lokale und zunehmend auch globale Wirtschaft. Als größter Stahlproduzent der Welt verbraucht das Land riesige Mengen an Eisenerz ebenso wie Öl, Kohle und Buntmetalle. Laut dem Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) stiegen die Weltmarktpreise für Rohstoffe seit Anfang 2004 insgesamt um rund 70 Prozent. Der Preis für Kupfer verdoppelte sich und Nickel stieg um 126 Prozent. Ein Großteil der Preissteigerungen geht auf den Rohstoffhunger Chinas zurück.

Der Preis der Umwelt

Das Wirtschaftswachstum korreliert mit dem Verbrauch an natürlichen Ressourcen und dem Anstieg der Umweltverschmutzung. Die Folgen sind beträchtlich. Besonders evident wird dieser Sachverhalt bei den Energiezuwachsraten, die derzeit bei 20 Prozent jährlich liegen. Etwa 8 bis 12 Prozent des BIP gehen durch Umweltverschmutzung verloren und die WHO schätzt 400.000 Tote jährlich als unmittelbare Folge der Umweltbelastung. Einige Fakten zur Umweltsituation:

•    16 der 20 weltweit am meisten verschmutzten Städte befinden sich in China.
•    2/3 der Städte entsprechen nicht der WHO-Luftnorm.
•    30 Prozent des Landes wird durch  „sauren Regen” belastet.
•    70 Prozent der Fließgewässer sind verseucht.
•    600 Mio. Menschen sind von kontaminiertem Wasser abhängig.
•    70-80 Prozent der 200 Mio. t Abfall werden nicht behandelt.

Mit dieser Entwicklung stößt China auch an Grenzen in einer globalen Dimension. Die Aufnahmefähigkeit der Erdatmosphäre ist bereits erschöpft. Gleichwohl bedeutet Chinas Wachstum eine Verdopplung der CO2-Emissionen auf über 6 Mrd. t bis zum Jahr 2020. Die internationalen Rohstoff- und Energiemärkte sind bereits angespannt und werden weiter belastet. Die Nachbarn Korea und Japan leiden unter grenzüberschreitenden „saurem Regen“. Der neue Global Player muss sich auch umweltpolitisch bewegen, wenn er nicht seine eigene Entwicklung behindern will.

Reformprojekt „nachhaltige Entwicklung“

China steht vor der Notwendigkeit bzw. der Herausforderung, das Wirtschaftswachstum vom Energie- und Ressourcenverbrauch deutlich zu entkoppeln. Das Fernziel wäre eine Verdoppelung des Wohlstands bei einer Halbierung des Naturverbrauchs, um die Umweltbelastung nicht weiter zu erhöhen aber dennoch das Land in der Fläche zu entwickeln. Dies beinhaltet eine sukzessive Umstrukturierung der Wirtschaft – ein ökologisch induzierter Strukturwandel. Vor dieser Herausforderung stehen – keine Frage – alle Industriestaaten wenn die ökologisch gesetzten Grenzen nicht überschritten werden sollen.
Am Beispiel des Energiesektors zeigen Einsparszenarien, dass mit einer rascheren Umstrukturierung und technischem Fortschritt der Primärenergieverbrauch Chinas bei gleichem BIP um 25 Prozent niedriger sein kann. Das sind immerhin 800 Millionen Tonnen SKE (Steinkohleeinheiten) und entsprechende Minderemissionen an CO2. Zum Vergleich: Deutschlands gesamter Primärenergieverbrauch lag im Jahre 2000 unter 500 Millionen Tonnen SKE.

Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), mächtiger als jedes Ministerium, hat die Brisanz erkannt und schon im Sommer 2005 die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft und die Ressourceneffizienz in den Vordergrund gestellt. Entsprechende Gesetze und Strategien sind seitdem in Arbeit. Ein Energieeinspeisegesetz nach deutschem Vorbild ist inzwischen eingeführt. Klar definierte Umweltziele, eíne konsequente Umsetzung der weit reichenden Umweltgesetzgebung sowie der Einsatz ökonomischer Instrumente also Steuern, Abgaben und Gebühren sollten wichtige ergänzende Elemente dieser Strategie werden.

Noch zu wenig erkannt wird die Bedeutung der Zivilgesellschaft als Motor für eine nachhaltige Entwicklung. Nicht die Regierung sollte länger allein die treibende Kraft sein und die alleinige Verantwortung für den Umweltschutz übernehmen. Bürger, Unternehmen, Zivilgesellschaft müssen verstärkt Eigenverantwortung übernehmen und Initiative ergreifen. Wie es sich in europäischen Ländern in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt hat, tragen sie erheblich zu Umweltbewusstsein und -erziehung bei. Eine aufgeklärte und aktive Bevölkerung ist eine wichtige Säule für die umweltverträgliche Entwicklung eines Landes. Daher ist es für eine nachhaltige Entwicklung nötig, Think- Tanks, NGO’s und Medien als wichtigen Multiplikatoren entsprechenden Handlungsspielraum zu gewähren.

Edgar Endrukaitis ist Berater für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und war Leiter des GTZ Umweltpolitikberatungsprogramms in Peking von 1999 bis 2007.

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